Warum es in Leipzig mehrere Bündnisse gibt

Unser Statement vom 21.11.2018 

Liebe Genoss*innen vom feministischen Streikbündnis,

die letzten Wochen und Monate waren für uns alle sehr nervenaufreibend und emotional. Vor allem das letzte Treffen am 14. November hat nochmals klar gezeigt, dass teils sehr unterschiedliche und auch widersprüchliche Vorstellungen und Ansichten darüber bestehen, was der Inhalt, die Form und die Ausrichtung des Streiks sein sollen, was sich insbesondere an der Namensdiskussion gezeigt hat. Wir sind jedoch nicht der Auffassung, dass Widersprüche per se etwas Negatives sein müssen, wodurch die politische Zusammenarbeit behindert würde, sondern sehen dies als Herausforderung in der politischen Auseinandersetzung miteinander. 
Diese Auseinandersetzung hat, obwohl ihr viel Raum gegeben wurde, leider zu keiner erfolgreichen Verständigung geführt. Die Verletzungen sitzen – nicht nur bei uns – so tief, dass wir an dem Bündnis nicht weiter teilhaben, sondern uns als Frauen*streikbündnis neu organisieren werden. 
Der Aufhänger hierbei ist nicht nur die mangelnde Kompromissbereitschaft bezüglich des Namens, sondern vor allem der Umgang miteinander und die Art, wie Konflikte ausgetragen werden, was letztlich zu einer von Angst und Unsicherheit geprägten Atmosphäre geführt hat. Dadurch waren inhaltliche Diskussionen nur eingeschränkt möglich, die für uns jedoch für jede Form der politischen Tätigkeit unerlässlich sind. 
Wir widersprechen der schon öfter wiederholten Darstellung, es hätte eine ausführliche Diskussion mit verschiedenen Standpunkten bezüglich des Namens gegeben. Die Diskussion und Argumentation ist einseitig verlaufen und jeder Versuch, einen Gegenstandpunkt aufzumachen, wurde abgewehrt. 
Wir verstehen, dass dieses Thema sich (zwangsläufig) auf einer persönlichen Ebene abspielt, kritisieren jedoch die Konsequenzen, die daraus gezogen wurden. Jedes Argument, jede Sichtweise, welche auf die allgemein-gesellschaftliche Ebene abzielte, wurde durch die Entgegnung der persönlichen Betroffenheit untergraben und nicht weiter in einen differenzierten Diskurs mit aufgenommen. 
Daher möchten wir nun nochmal darlegen, weshalb wir uns autonom als Frauen*streikbündnis organisieren werden.

1. Der Begriff „Feminismus“ spricht alle an, die sich als Feminist*innen verstehen, also auch Cis-Männer. Feminismus ist also ein sehr großer Begriff, unter welchem alle Menschen gefasst werden können, welche sich grob mit den Ideen, Inhalten und Utopien feministischer Theorie und Praxis identifizieren können und wollen. Außerdem ist „Feminismus“ nichts Eindeutiges. Es gibt unterschiedliche Strömungen, die sich teils konträr gegenüberstehen, teils aber dennoch gut ergänzen. Abgesehen von dem aktuellen neoliberalen Feminismus, aus welchem das Patriarchat und der Kapitalismus schön Profit schlagen können, lassen sich hier der Queerfeminismus und der materialistische Feminismus als Strömungen benennen. Diese beiden zu vereinen, ist uns in dem Bündnis nicht gelungen, da jeder Versuch, über das politische Subjekt „Frau“ zu sprechen, vehement als ausschließend, verletzend oder gar diskriminierend abgewehrt wurde, was sich zuletzt darin zeigt, dass nicht zu einem Frauen*streik mobilisiert werden darf.
Dass das „Frau-Wort“ in feministischen Kontexten so verpöhnt ist und lieber in abwertendem bis beleidigendem Ton von „den Cis-Frauen“ oder vorverurteilend von den „Terfs“ gesprochen wird, finden wir mehr als bedenklich. Ja, wir fühlen uns davon angegriffen. Aber die Argumentation, man müsse das erst mal so annehmen, weil das von „noch-mehr-unterdrückten“ Personen geäußert wird, ist eine falsche Schlussfolgerung. Als Frau* wird man ein Leben lang in die Rolle des passiven Subjekts gedrängt, welches sich gefälligst zurücknehmen muss. Dass dies in feministischen Kontexten erneut gefordert wird, ist ein antiemanzipatorischer und unsolidarischer Umgang. Die Aufmachung von Diskriminierungshierarchien verhindert ein solidarisches Nebeneinanderstehen, in welchem sich wohlwollend und respektvoll begegnet werden kann.

2. Der Kompromiss wäre gewesen, sich nicht zwischen Frauen*streik und feministischem Streik einigen zu müssen, sondern je nach Kontext und je nach Gruppe, welche angesprochen wird, in der Ansprache flexibel zu bleiben. Wenn man sich für eine neue feministische Bewegung Vielfalt wünscht, dann gehört der gesellschaftliche Mainstream mit dazu, und dieser verortet sich eben zum großen Teil (noch) im binären Geschlechtersystem, also als Frau oder Mann. Dies einfach nicht mehr zu benennen, wird an dem binären System nichts ändern sondern leugnet die real erlebten gesellschaftlichen Verhältnisse und Ungerechtigkeiten.

3. Die inhaltliche Richtung, in welche das feministische Streikbündnis momentan geht, hat nicht mehr viel mit der Ursprungsidee – der Bestreikung von Arbeit (insbesondere reproduktiver Arbeit) – zu tun. Dazu gehören bestimmte Berufe, Rollen und reproduktive Tätigkeiten, in welchen Frauen* seit Jahrhunderten ausgebeutet werden. In diesem Zusammenhang nicht von Weiblichkeit und der politischen Kategorie „Frau“ zu sprechen, eben auch in der Benennung des Frauen*streiks, widerspricht unserer politischen Analyse.

4. Wir möchten uns dem seit Jahrzehnten bestehenden Vorwurf an die Linke stellen und gesellschaftsfähige Politik betreiben. Das bedeutet, Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Respektvoll, auf Augenhöhe.

Liebe Genoss*innen, die ihr dennoch für uns seid:

Mit unserem Vorschlag letzte Woche, anstelle der bisherigen AG-Struktur schwerpunktbezogen zu arbeiten, hatten wir das Ziel, einen erneuten Kompromissversuch zu starten. Dass der Vorschlag nicht gut angenommen wurde, versuchen wir nun dennoch positiv zu sehen. 
Wir sehen unseren Ansatz politischer Arbeit als einen von vielen und möchten die verschiedenen Ansätze nicht gegeneinander ausspielen. Den Ansätzen liegen teils grundlegend unterschiedliche Gesellschaftsanalysen zugrunde, über welche wir keinen Grabenkampf führen wollen.
Dass wir uns für diesen Weg entschieden haben, bedeutet nicht, dass wir die Kämpfe aller marginalisierter Gruppen, aller, die sich nicht in dem binären Geschlechtersystem verorten können, als unwichtig erachten. Im Gegenteil, Menschen, welche keine Masse hinter sich haben, führen immer einen gefährlichen und schutzlosen Kampf um gesellschaftliche Anerkennung. Daher sehen wir es als unbedingte Notwendigkeit an mit allen marginalisierten Gruppen Schulter an Schulter zu kämpfen und solidarisch füreinander einzustehen.
Unser Ziel ist es daher nicht, uns in Konkurrenz zu dem feministischen Bündnis zu bewegen, weil wir die wichtigeren Inhalte hätten, sondern unser Ziel ist es, sich als gegenseitige Ergänzung betrachten zu können, auch wenn die Uneinigkeiten groß sind. Trotz der unterschiedlichen Herangehensweisen und inhaltlichen Schwerpunkte, welche nun mal bestehen, sehen wir den 8. März als ein gemeinsames Projekt, zumal der 8. März 2019 nur der Auftakt eines langen, spannenden Prozesses sein wird. Das ist für uns nur möglich, wenn wir solidarisch zusammenarbeiten.

Für den Tag selbst soll es eine zentrale Aktion geben. Sei es das meterlange Banner, auf welchem alle schreiben, weshalb sie streiken, sei es eine Massenversammlung auf dem Markt, wir müssen und werden an diesem Tag an einem Punkt zusammentreffen. Unsere Differenzen dürfen nicht dazu führen, dass an diesem Tag Konkurrenzveranstaltungen stattfinden, denn das wird uns dann wirklich schwächen. Die zwei Bündnisse, die es jetzt gibt, sehen wir jedoch als Potenzial. Mit den unterschiedlichen Antworten auf die Fragen „Was tun? Wo anfangen?“ kann auf unterschiedlichen und vielfältigen Wegen mobilisiert werden. Und in der Frage „Wie leben?“ sind wir uns ja dennoch einig. Wir wollen ein Leben in einer Gesellschaft frei von patriarchalen und kapitalistischen Zwängen. Und dafür lohnt es sich, auch im Dissens, loszugehen und neue Impulse zu setzen.

Für Fragen, Anmerkungen, Anregungen, Vernetzung, Koordination etc. erreicht ihr uns unter frauenstreikleipzig@riseup.net

Solidarische Grüße,
Frauen*streikbündnis

Anmerkung:
Alle Ressourcen, die wir bereit gestellt hatten, überlassen wir euch. 
Wir haben außerdem den Vorschlag, in regelmäßigen Abständen ein Delegiertentreffen abzuhalten, bei welchen sich 2-3 Personen des feministischen Bündnisses, des Frauen*streikbündnis und des Frauenprotestbündnis an einen Tisch setzen um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten.

Du hast Fragen oder möchtest dich beteiligen? 
Schreib uns an "frauenstreikleipzig@riseup.net" oder nutze das Kontaktformular.

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